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Antibiotika haben einen sehr negativen Einfluss auf unser Darmmikrobiom (Darmflora), der teilweise bis zu 4-8 Jahren nach Einnahme eines Antibiotikums nachweisbar ist. Die Bakterien werden durch das Antibiotikum im Darm abgetötet und die wichtige Vielfalt an Bakterien wird gleichzeitig stark reduziert. Letzteres ist besonders kritisch, da eine Abnahme der Vielfalt unser Mikrobiom instabil und leicht angreifbar für schädigende Einflüsse von außen macht (z.B. Lebensmittelinfektionen, weitere Antibiotika etc.) und eine fehlende Vielfalt ist mit mehr Entzündungen, Verdauungsproblemen und einem schlechteren Gesundheitszustand assoziiert.
Auch steigt nach Antibiotika-Gabe die Anzahl antibiotika-resistenter Keime und das Risiko, dass sich Bakterien wie Clostridium difficile stark im Darm vermehren. Letzteres sind für schwere Durchfälle und Darmentzündungen während und nach Antibiotikaeinsatz verantwortlich und gewinnen Oberhand, wenn Bakterien, die Clostridien difficile normalerweise in Schach halten, durch Antibiotika zugrunde gehen.
Das Ausmaß der „Zerstörung“ ist dabei stark von der Einnahmedauer, Dosis und der Art des Antibiotikums abhängig.
Grundsätzlich gilt:
Um den Niedergang des Darmmikrobioms zu minimieren, wurde und wird deshalb oft empfohlen noch während oder einige Wochen nach der oralen Antibiotika-Behandlung ein Probiotikum einzunehmen. Die Idee dahinter ist, durch die verschiedenen Stämme an lebenden Bakterien in den Probiotika das Darmmikrobiom bzw. die Diversität schneller wieder herzustellen und die mögliche Verbreitung krankmachender Keime, die den Antibiotika widerstehen, einzudämmen.
Ob das tatsächlich funktioniert und die Einnahme eines Probiotikums sinnvoll ist, stellen jüngere Forschungen jedoch zunehmend in Frage. In einer Studie an Menschen und Mäusen, in der ein Teil der Probanden und Tiere entweder keine weitere Maßnahme, ein Multi-Stamm-Probiotikum oder eine autologe fäkale Mikrobiota-Transplantation (aFMT = eigener Stuhl vor der Antibiotika-Behandlung) erhielten, konnten zeigen, dass die Probiotika-Gruppe im Schnitt eine langsamere Rückkehr des individuellen Darmmikrobioms erreicht als die Gruppe ohne Probiotika. Spannend dabei war, dass die besten Ergebnisse von der Gruppe erzielt wurde, die aFMT erhielt – bei ihnen kehrte das Darmmikrobiom am schnellsten in ihren Ursprungszustand zurück.
Diese als auch viele andere Studien zeigen, dass sich probiotische Keime kaum im Darm ansiedeln und dass sie auch die Wiederansiedlung der Ursprungskeime teilweise sogar erschweren bzw. abwehren, was die ausbleibende Widerherstellung der Diversität zeigte.
Diese Studien bedeuten jedoch nicht, dass Probiotika nie sinnvoll sind. Für antibiotika-assoziierte Diarrhö (Durchfall nach Antibiotika-Einnahme) gibt es einige Meta-Analysen, die Hinweise auf den Nutzen einzelner probiotischer Stämme zeigen. So kann z.B. Saccharomyces boulardii, eine Hefe-Art, die gegen Antibiotika immun ist, verhindern, dass pathogene Keime den leeren Platz der getöteten guten Bakterien einnehmen, wenn man diese während einer Antibiotika-Behandlung einnimmt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, dass Lactobacillus rhamnosus GG (LGG), einer der am besten untersuchten Milchsäurebakterienstämme, Durchfallepisoden verkürzen kann.
Aber auch viele verschiedene Bifidobakterien- und Lactobacillus-Stämme können zahlreiche Krankheitszustände positiv beeinflussen, so sind sie beispielsweise in der Lage Reizdarmbeschwerden, Verstopfung und Gastroenteritis bei Kindern zu lindern, Infekte zu verkürzen, Allergien, Autoimmunerkrankungen und Vaginalinfektionen zu verbessern oder Stressreaktion im Körper abzumildern. Genau definierte Stämme von Probiotika sind also wertvolle Helfer bei verschiedensten Indikationen, aber deshalb nicht zwingend sinnvoll nach Antibiotika-Einnahme.
Wie wir heute wissen scheinen für die positiven Wirkungen, die Probiotika zeigen, weniger ihre Ansiedlung im Darm entscheidend zu sein, sondern vielmehr andere Mechanismen, über die sie das Darmmikrobiom positiv beeinflussen. Ein wesentlicher Mechanismus ist die Fähigkeit probiotischer Bakterien auf ihrer Reise durch den Darm verschiedene Substanzen zu produzieren, die sich positiv auf den Darm sowie unseren Gesamtorganismus auszuwirken. Zu diesen Stoffwechselprodukten der Bakterien, die man auch als Postbiotika bezeichnet, zählt man z.B. kurzkettige Fettsäuren, die den pH-Wert senken und so das Darmmilieu verbessern. Durch die Ansäuerung des Darms wird die Nährstoffabsorption verbessert und das Überleben gesunder Keime begünstigt. Weitere interessante Postbiotika sind antimikrobielle Peptide/Bakteriozine, die krankmachende Keime bekämpfen und zurückdrängen.
Ein weiterer interessanter Mechanismus ist die Fähigkeit probiotischen Kulturen, Substanzen zu neutralisieren, die für den Körper gefährlich werden können (z.B. Ammoniak aus dem Eiweißabbau oder aber Medikamente), weshalb Probiotika auch bei Lebererkrankungen positiv wirken können, da hier die Entgiftung von Ammoniak stark eingeschränkt ist.
Schematische Darstellung der wichtigsten Klassen von Postbiotika, die aus probiotischen Bakterien gewonnen werden, darunter Exopolysaccharide (EPS), kurzkettige Fettsäuren (SCFAs), zellfreie Überstände (CFS) und Bakteriozine, unter Hervorhebung ihrer biologischen Wirkungen.
Auch wissen wir heute, dass probiotische Keime für ihre Wirkung nicht zwingend lebendig im Darm ankommen müssen. Zellwandbestandteile bereits abgetöteter probiotischer Bakterien können bspw. wertvolle Signale an Immunzellen aussenden, die sich in großer Zahl in der Darmwand befinden. Aus diesem Grund spricht man auch vom Darm als Sitz des Immunsystems. Die Zellwandbestandteile der Bakterien sind in der Lage Immunzellen so zu trainieren und zu modulieren, dass es zu wünschenswerten Veränderungen innerhalb des Immunsystems kommt. Auch können nicht mehr lebende Probiotika helfen, die Darmbarriere, also die Zell-Zell-Kontakte zwischen den Darmepithelzellen, zu stabilisieren.
Zudem sind Präparate mit toten Bakterien und deren Stoffwechselprodukte eine sicherere Alternative für stark immungeschwächte Menschen und Menschen mit akuten Darmentzündungen, wie z.B. Morbus Crohn. Letztere sollten z.B. im Akutstadium der Erkrankung keine Probiotika einnehmen, um den Eintritt der Bakterien ins Blut und eine Infektion zu verhindern.
In Anbetracht der Potentiale von Postbiotika und toten Bakterienfragmenten verwundert es nicht, dass deshalb auch pasteurisierte fermentiere Produkte, die aufgrund der Erhitzung keine lebenden Mikroorganismen mehr enthalten, positive Wirkungen auf die Gesundheit entfalten können (z.B. Kombucha in Flaschen, erhitztes Sauerkraut, Miso etc.)
Weitere Wirkmechanismen von Probiotika
Angesichts dieser neueren Erkenntnisse, würde ich nicht mehr pauschal jedem ein Probiotikum während und nach Antibiotika-Behandlungen empfehlen. Und da Transplantation bzw. Einläufe von eigenem Stuhl von vor der Antibiotika-Behandlung noch keine gängige Praxis sind, würde ich deshalb folgende Maßnahmen während und nach einer Antibiotika-Einnahme jedem ans Herz legen und deshalb empfehlen:
Oft empfohlene Quellen für lösliche Ballaststoffe sind eingeweichte und/oder gekochte Haferflocken, eingeweichte Chia- und Leinsamen, Flohsamenschalen, Pilze, gekochte Zwiebeln, Lauch, Topinambur, Schwarzwurzeln, Hülsenfrüchte sowie konzentrierte Ballaststoffpulver, die Pektin, Fructo-Oligosacchariden (FOS), Galacto-Oligosacchariden (GOS), Inulin, Akazienfaserpulver oder ß-Glucan enthalten.
Ich würde jedoch nicht alle davon gleichermaßen empfehlen. Einer der Gründe ist, dass einige von ihnen starke Gele bilden und so den regelmäßigen Verzehr aufgrund ihrer Konsistenz oft erschweren. Ein anderer Grund ist, dass manche teilweise schnell und stark in oberen Dickdarmabschnitten fermentiert werden und so deutlichere Blähungen verursachen können (z.B. Inulin, Topinambur, FOS, GOS). Besser sind deshalb jene löslichen Ballaststoffe auszuwählen, die langsamer und gleichmäßig über den gesamten Dickdarm hinweg fermentiert werden und so weniger Blähungen hervorrufen. Zu diesen zählen Präparate, die teil-hydrolisiertes Guarkernmehl, Xylo-Oligosaccharide, Akazienfasern oder aber auch verschiedene resistente Stärke enthalten. Ihr Vorteil ist auch, dass geschmacklos sind und sich in Wasser ohne Gelbildung auflösen, was ihre Einnahme erleichtert.
Lebensmittel reich an resistenter Stärke sind übrigens gekochte und 12-14 Std. abgekühlte stärkehaltige Lebensmittel, wie Kartoffeln, Reis oder Vollkornnudeln sowie rohe grüne Bananen, grünes Bananenmehl, Hülsenfrüchte, Haferflocken (besonders im Rohzustand, z.B. als Overnight Oats) oder Kartoffelstärke (roh, nicht erhitzt). Aber auch hier würde ich nicht alle gleichermaßen empfehlen, weil manche davon mehr Verdauungsbeschwerden hervorrufen als manch andere. Am besten bekömmlich sind gekochte und erkaltete Kartoffeln und Getreide. Mit Hülsenfrüchten und rohen Getreideflocken wäre ich etwas zurückhaltender. Pulvervarianten mit resistenter Stärke können natürlich ebenfalls eingesetzt werden und erleichtern oft die Umsetzung im Alltag. Sie können gut in Joghurt, Smoothies, Overnight-Oats oder erkaltetes Porridge eingerührt werden und lösen sich vollständig ohne Gelbildung auf.
Antibiotika können so die Selbstreinigung des Darms beeinträchtigen, wodurch Bakterien anfangen sich im Dünndarm anzusiedeln, wo sie normalerweise nicht zu finden sind. Diese Folge einer Antibiotika-Einnahme kann entsprechend durch Bitterstoffe aufgrund ihrer direkten und indirekten antimikrobiellen Effekte deutlich entgegengesteuert werden und entsprechend Verdauungsbeschwerden und Nährstoffmangel vorgebeugt werden, die oft aufgrund einer Dünndarmfehlbesiedlung entstehen.
Suez J. et al. Cell (2018). Post-antibiotic gut mucosal microbiome reconstitution is impaired by probiotics and improved by autologous FMT.
Zmora N. et al. Cell (2018). Personalized gut mucosal colonization resistance to probiotics
Baldanzi G. et al.. Antibiotic use and gut microbiome composition links from individual-level prescription data of 14,979 individuals. Nat Med(2026).
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